rummel - Das größte Schützenfest der Welt

rummel - Das größte Schützenfest der Welt



 

Bitte aufmerksam lesen:


Rummel


Fragmentarische Überlegungen zu einem Ausstellungsprojekt von Hannes Malte Mahler, Alexander Steig und Jürgen Witte


I.
Bekanntlich hat Hannover das größte Schützenfest der Welt. Diesen „Rummel“ gibt es bereits seit dem 15. Jahrhundert. Der alljährlichen „Schützenausmarsch“ der gut 80 in Hannover und umgebender Region ansässigen Schützenvereine zählt somit zu den traditionsreichsten Events der Niedersächsischen Landeshauptstadt überhaupt. Neben der „Hannover Messe“ ist das Schützenfest, ein Steinwurf nur von dem Maschsee und dem Niedersachsenstadion, von Polizeidirektion und Niedersächsischer Landesbibliothek entfernt, ein imageträchtiges Aushängeschild der Stadt.


II.
Das Angebot eines Rummels lässt sich grob in drei Sektionen aufteilen: diverse Fress- und Konsumbuden, interaktive sportliche Stände (Werfen und Schiessen etwa) und Bewegung erfordernde Bereiche (Geisterbahn, Riesenrad ...). Vergleichbar nun ist die Ausstellung „Rummel“ strukturiert: Malerei zum (visuellen) Konsumieren von Hannes Malte Mahler, (interaktive) Installationen von Alexander Steig und Hannes Malte Mahler sowie umgehbare Objekte von Jürgen Witte.


III.
Augenschmaus pur: Hannes Malte Mahlers klein- und mittelformatige Bilder nach (photographierten) Motiven vom Schützenfest – Luftballons, Schießblumenflächen, Flaggen, Speiseeis ... – springen da sofort ins Auge. So bunt wie naiv, mit einem wohl kalkulierten Hauch an Expression und immer mit dem Lust amRummel. Dieses belegt schon die üppige Hängung dieser Ölmalerei, derer man sich hier wahrlich satt sehen kann.
Zudem zeigt Mahler benutzbare, also interaktive Sportgeräte, etwa einen „Marschierapparat“ mit zwei Wimpeln und einem Spiegel in Front. Das macht fit für den Schützenausmarsch, Kunst also als überaus sportive und schweisstreibende Dienstleistung ...


IV.
Treffsicher: Alexander Steigs in der Ausstellung gezeigten Video-Installationen thematisieren unter dem Oberbegriff „Schießübungen“ das Schießen auf (menschliche) Ziele in unterschiedlicher ART und Weise. Da ist etwa die Arbeit „Schützin“ (Steigs Großmutter übrigens war Jägerin und Schützin im Verein, gar Schützenkönigin) installiert. Auf der einen Wand wird vertikal das Bild einer Frau, die zum Schuss angelegt hat, von einer DVD als Loop projiziert. Auf der Wand gegenüber ist gleichzeitig eine Zielscheibe projiziert, die direkt aus dem Ausstellungsraum gefilmt wird. So entsteht einerseits der Eindruck, die Schützin würde auf diese Zielscheibe zielen, andererseits aber gerät der Besucher der Ausstellung selbst ins Visier, nämlich immer dann, wenn er vor die die Zielscheibe filmende Kamera gerät. Als virtuelles Opfer überdenkt der Rezipient seine Rolle im Kunstbetrieb so plötzlich neu.


V.
Spielerisch: Jürgen Witte schließlich geht vergleichsweise poetisch und frei mit dem Thema „Rummel“ um zum Beispiel in seiner Arbeit „europäische Eisorgel“. Auf etwa vier Meter Länge werden da verschiedene Sorten „Eis am Stiel“ nebeneinander gelegt.
Dabei zeigen die hölzernen Stile in eine Richtung, das Eis in die andere. Dezentriert auf der Seite des Eises steht zudem ein Klavierhocker, gleichsam dazu auffordernd in die Tasten zu hauen, an die die dermassen aneinandergereihten „Eise am Stil“ erinnern.
Ob das Eis wohl schmilzt? Oder wird diese „Eisorgel“ doch ein Kunststück für die Ewigkeit, bzw. für die Dauer dieses ganzen „Rummels“? Poetische Unschärfe eben steht auf dem ästhetischen Masterplan von Jürgen Witte.


Kurzer Exkurs:
Wir erinnern uns: Die „Revue Roter Rummel“ des avantgardistisch-klassenkämpferischen Theaterregisseurs Erwin Piscator. Anno 1924 von diesem im Auftrag der Kommunistischen Partei Deutschland geschrieben und in der Berliner Volksbühne uraufgeführt, das Bühnenbild war übrigens zum Teil von George Grosz. Erwin Piscator unternimmt hier den Versuch Strukturen des Rummels, wie z. B. kollektives Vergnügen und interaktives Miteinander, zu politisieren und auf das Medium Theater anzuwenden. Der Erfolg war zumindest in Form von tumultartigen Auseinandersetzungen im Publikum auszumachen.


VI.
Time is on my side: Anlässlich des Schützenfestes 2007 in Hannover haben die drei Artisten Mahler, Steig und Witte ihre Show im Kubus zum Teil zeitgleich platziert. Auch eine Führung auf diesem gehört selbstverständlich zum
ästhetischen Programm – so nutzen die Künstler eine in der Stadt eh schon befindliche Stimmung und integrieren sich gleichzeitig in diese. Kunst ist plötzlich kein hehres Unterfangen mehr, sondern ein fast schon volkstümliches. Gut so.


Raimar Stange